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Regensburg auf Kalymnos

Project of the Heart

2700 Routen, verteilt auf ca. 65 Sektoren, sind im nagelneuen Kletterführer * von Aris Theodoropoulos beschrieben. Darunter auch „Regensburg“, eine neue Mehrseillängen-Route in einem bisher unerschlossenen Untersektor. ** Wie kam es dazu?

2013 waren wir das zweite Mal auf dieser ehemaligen Schwammtaucher Insel in der östlichen Ägäis. Heute kommen Kletterer aus aller Welt und genießen die Symbiose von Klettern und Meer am guten Fels und exemplarisch guter Absicherung. Die Mehrzahl der Routen ist in den mittleren und oberen Schwierigkeitsgraden. Immerhin verbleiben für klassische Genießer bis V+ 346 Routen. Auffällig, die Zunahme von Mehrseillängen Routen, jedoch in Kategorien außerhalb moderaten Könnens.

In einem Brief an Aris wies ich auf diesen Punkt hin und bedauerte diese Entwicklung. Mehrseillängen sind eine Bereicherung für das Sportklettern und steigern das Erlebnis. Ermuntert zu dem Brief wurde ich durch das Plädoyer der Schweizer Erschließer Keller und Odermatt für mehr leichtere Routen. Ich bot mich an nach Kalymnos zu kommen als Gönner, Träger, Sicherer und Ausputzer. Vom Einbohren hatte ich keine Ahnung. Einzige Bedingung: Schwierigkeit etwa bis V+.

Schneller als erwartet bekam ich Antwort. Es kam zu einem Gedankenaustausch und in der Folge zur Einladung nach Kalymnos zu kommen. Aris sprach von einer neuen klassischen Route und von „Project oft the Heart“ (Projekt des Herzens). Das schmeichelte. Im Oktober war ich wieder auf der Insel der Kletterer, diesmal als Climbing Sherpa. Als wir uns vor Ort kennen lernten, über das weitere Vorgehen sprachen und es dann am nächsten Tag gleich angingen, war mir etwas mulmig. Aris ein erfahrener Erschließer bis in die obersten Grade und Verfasser des vermutlich besten Kletterführers Europas; das kann einem schon in Verlegenheit bringen.

Die Route wurde von oben erschlossen. Schwer bepackt- wie es sich für Sherpas ziemt- mit Bohrmaschine, langen Seilen, Eisen- und Werkzeug usw. starteten wir. Zuerst in leichter Kletterei in der Schlucht aufwärts, dann die rechte steile Flanke auf Ziegenpfaden zur Hochfläche, den Schluchtrand weiter aufwärts und an geeigneter Stelle wieder in den Grund der Schlucht. Nun die linke Flanke, alles weglos, hoch und Richtung Wandabbruch. Hier zeigte sich der intime Gebietskenner. Aris brauchte nicht lange um das Ende der ins Auge gefassten Ausstiegsseillänge zu finden. Ich jedoch, brauchte eine Rast. Aris machte sich sofort an das Einrichten der Abseilstelle. Auch ein Laie konnte erkennen, da ist ein Meister am Werk. Gemütlich zwischen zwei Felsen eingebettet schraubte ich Bohrhaken zusammen. Seillänge für Seillänge abseilend wurden die Standplätze eingerichtet. Zwischenhaken wurden noch keine gesetzt. Mit einem so schweren Rucksack habe ich noch nie abgeseilt. Am Wandfuß meinte Aris:“ So die Wand gehört nun dir“. Damit ward ich zum Ausputzer ernannt.

Diese Funktion trat ich am nächsten Tag an. Mit dem Fahrrad brauchte ich eine gute ½h zum Klettergarten. Am Einstieg mussten noch dürre Büsche und lose Steine entfernt werden. Bald stoppte Regen meinen Arbeitseifer. Das fängt ja gut an!

Regen verzögerte den Start auch am nächsten Tag. Ich wollte aber unbedingt heute mit der Arbeit beginnen. Überlegt musste das Werkzeug (Säge, Geologenhammer, Stahlbürste, dicke Handschuhe) am Klettergurt befestigt werden. Verpflegung und 2 l Wasser blieben im Rucksack. Jümar Klemme, Gigri und Fixseil waren mein Aufzug. Jetzt konnte es losgehen .Lose Steine, verdorrtes Buschwerk mit langen verletzenden Stacheln wuchsen der Ideallinie im Wege. In den Büschen befanden sich Nester loser Steine. Um an sie heranzukommen, waren zuerst mühsam die widerborstigen Äste abzusägen. Die Steine zum Absturz zu bringen verlangte Vorsicht. Das Wurzelwerk verbiss sich in Rissen und Spalten. Alles Gründe genug um ins Schwitzen zu kommen. Verdächtige Felspartien waren auf Brüchigkeit zu prüfen und den verletzenden Sinterspitzen an den Griffen musste durch behutsames Abklopfen die Schärfe genommen werden. Die Stahlbürste war für den Feinputz. Dieser Arbeitsgang kam vor allem beim Abseilen zum Zuge. Endlich war die erste Seillänge geschafft. Ich auch; es war jedoch ein lehrreicher Tag.

Drei weitere Arbeitstage folgten. Ich war geschickter geworden. Viel schneller kam ich dennoch nicht voran. Jeden Tag musste ich mich die ausgeputzten Seillängen und die dadurch länger werdende Strecke am Fixseil hocharbeiten. Das kostete Zeit und Krafft. Unterwegs gab es immer noch genügend Vergessenes zu säubern. Ebenso beim Abseilen. Ein weiterer Verzögerungsfaktor war der nach obenhin zunehmende Bewuchs. Pausen machte ich immer am Seil hängend. Die Pausen genoss ich. Der Tiefblick zwischen den Beinen hindurch traf auf das blaue Meer, ein wunderbarer Kontrast zur unmittelbaren Umgebung, mit der ich immer vertrauter wurde. Die Stille und das Alleinsein in der unberührten Wand war ein besonderes Erlebnis. Man verspürt Freude und Zufriedenheit.

Langsam kam ich unter Zeitdruck. Der Plan war, heute das Ausputzen zu beenden. Um Kraft zu sparen wählte ich, wie beim ersten Mal, den Weg durch die Schlucht zum Ausstieg der Route. Ich vertraute meinem Orientierungssinn. Es klappte bis zum oberen Ende der langen Wandflucht. Wo war jedoch der Ausstieg? Ein Blick über die Wandkante ergab, ich war zu weit rechts. Im Felslabyrinth war die Suche nach 2 Haken mit verbindender Kette wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen. Bei der Suche fand ich plötzlich im Gewirr von Felsbrocken, einen kleinen Stein in der Form eines Herzens. Ich schenkte ihn Aris und seiner charmanten Gattin Katie als Talisman. So wurde der Herzstein zum Symbol der Route. „Suchet, so werdet ihr finden“. Wenig später: Haken und Kette glänzten silbern zu meinem Empfang. Durch den Verhauer brauchte ich 3 1/2 h bis hier her. Die Brotzeit mit schöner Aussicht durfte deshalb aber nicht zu kurz kommen .Ich seilte mich dann 2 Seillängen zum Endpunkt des Vortages ab und arbeitet mich wieder zum Ausstieg hoch. Nun konnte ich bis zum Einstieg abseilen, nicht ohne nochmals kräftig mit der Stahlbürste nachzusäubern. In 2 Seillängen war das Fixseil sehr straff gespannt. Das engte die Arbeitsbreite ein. Claude Idoux, ein Erschließer aus Frankreich, versprach Abhilfe.

Noch abends meldete ich Aris: „fertig“. Jetzt bekam er wieder die Stafette. Während er am nächsten Tag die wesentliche Arbeit, die Zwischenhaken setzen, ausführte, markierte ich den Zustieg zum Einstieg mit zahlreichen Steinmännchen. Für den nächsten Tag vereinbarten wir die Erstbegehung. Es kam zu einer Verzögerung, so dass

wir erst gegen 16 h einsteigen konnten. Vorher mussten wir noch den Namen der Route festlegen. Dies wollte ich Aris überlassen. Er aber drückte mir einen Stift in die Hand und markierte die Stelle. Dann stand „Regensburg“ dort. Die Zeit ließ uns keine Zeit, außer für Eile. Ich kannte mittlerweile jeden Meter der Route, aber sie zu klettern ist etwas anderes. Die Schlüsselstelle ist mit VI- ein wenig schwerer als gedacht. Am Ausstieg machte uns „Regensburg“ zum Abseilen und Abschied noch ein Geschenk: einen wunderschönen Sonnenuntergang über der kleinen Nachbarinsel Telendos. Als wir am Einstieg ankamen war es dunkle Nacht. Ich war müde, aber auch ein bisschen stolz. Mein Dank und Respekt gilt Aris.

*Neuauflage 2015, €40,00 inkl. Download App, zzgl.€8,oo Porto, Best. www.climbnkalymnos.com

**Seite 136-138 im neuen Führer.

Paul Hinterwimmer 50plus

Donaustauf im März 2016

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