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Die Königin vom See, der Schwarze Kater und fiese Platten

Und nein, Letzteres deutet keinesfalls darauf hin, dass es hier um irgendetwas mit Fahrradfahren geht. Fahrräder sind nur in Arco´s Fußgängerzone deutlicher repräsentiert, als man in einer der Kletterhauptstädte dieser Welt annehmen sollte, aber nochmal: darum geht es hier überhaupt nicht. So trafen wir dann also am Mittwochnachmittag, nachdem es am Morgen noch etwas kurzfristige Turbulenzen bezüglich der Planung der Fahrgemeinschaften gegeben hatte, nach und nach in Arco im 'Caffe Trentino’ ein und konnten uns gegenseitig vergewissern, niemanden zuhause in Regensburg vergessen zu haben.

Hier wurde auch relativ schnell die Gangart für die kommenden Tage klar: keine Rekorde, alles kann, nix muss, Präferenz ganz klar auf Dolce Vita. Nix Neues mithin;- ein hoher Prozentsatz der Teilnehmer war bereits im letzten Jahr dabei und sehr erfreulich stellte sich heraus, dass auch die neuen Gesichter den Ansatz begrüßen würden. Um dem stärkeren Ausdruck zu verleihen, checkten wir direkt in unserem 'Hotel Garni On The Rock‘ ein, sobald das möglich war, um uns, nun ja, ich erwähne es nicht gerne, direkt wieder im 'Trentino‘ zu treffen und den weiteren Tagesverlauf zu besprechen.

Nachdem hier relativ schnell die ersten Aperol Spritz und Hugo auf dem Tisch standen, war klar, dass der keine Klettereien mehr beinhalten würde und die Autos nur noch insofern Verwendung finden würden, um die freundlicherweise vom Hotel ausgestellten Parkbescheinigungen hineinzulegen. Und vielleicht, das war nämlich der nächste Tagesordnungspunkt, die ersten getätigten Einkäufe darin zu lagern. Also;- nix gegen Regensburgs Einzelhandel, aber hier geht halt wahrscheinlich pro Woche über die Ladentheke, was sich in Regensburg das ganze Jahr über so dreht, und wenn man’s nicht eh schon kennt, erschlägt einen das Angebot hier in Arco, wo Seilbündel aller Hersteller sich in allen Längen, Farben und Dicken mannshoch aufstapeln und Klimperware wie Karabiner, Sicherungsgeräte oder Exen quadratmeterweise in allen denkbaren Varianten an den Wänden hängt.

Aber egal. Nach den ersten anstrengenden Einkäufen war der logische Schritt der hin zu einer kleinen Stärkung, den, bzw. die man durchaus auch als Einleitung zum Abendprogramm betrachten könnte. Glücklicherweise kriegten wir auch kurzfristig und trotz Corona-Regularien in Italien sehr kurzfristig einen Tisch im 'Al Fiume’, unserm Stammrestaurant vom letzten Jahr. Und wie letztes Jahr wiederholte sich Abend für Abend die Diskussion, wo wir am nächsten Abend hingehen würden, obwohl jede/r bereits mit der Auswahl des aktuellen Gerichts auch schon das für den nächsten Tag ins Auge gefasst hatte. Aber kein Problem, eher im Gegenteil, denn da kann man ja gleich für den nächsten Abend reservieren… Eine kleine Ernüchterung folgte auf dem Rückweg ins Hotel, wo wir herzlich erfreut feststellen mussten, dass das 'Il Gatto Nero‘, DIE Kneipe schlechthin für Kletterer, gemeinhin im Stellenwert keinesfalls unter 'Oma Eichler‘ rangierend, geschlossen war.

Hier trifft sich alles, aber wirklich alles, was in der Kletterszene Rang und Namen hat oder hatte. Jedermann und Jeder Frau, aber wie erwähnt: nicht heute und auch am Donnerstag mussten wir noch weitere 24 unbequeme Stunden ausharren, ehe das Etablissement endlich, endlich, endlich, am Freitagabend wieder öffnete. Und so hoch wie über unserm Hotel 'On the Rock‘ der Felsen mit der Burg aufragt, so groß war auch die Begeisterung über das angebotene Frühstücksbuffet. A L L E S da. Inklusive vernünftigem Brot, das man nicht wie in Italien allermeist üblich zwei Minuten, nachdem man beim Bäcker raus ist, am liebsten gleich an die Hasen verfüttern würde. Also: so kann ein Klettertag beginnen. Abmarsch zum Parkplatz, die bereits geöffnete Eisdiele an der Ecke schweren Herzens links liegengelassen, damit nicht Frühstück UND das erste Eis des Tages gleich beim drohenden Zustieg hart bergauf so unbarmherzig an den Gaumen klopfen.

'Le Piazzole‘ hatten wir uns als erstes Ziel ausgesucht, wobei das vielleicht nicht die beste Formulierung ist für diesen leicht beschwingten Zustand am Abend nach Essen und Absacker, wo man wohlwollend und unbeschwert gerne alles abnickt und bereitwillig die 'abers‘ überhört, derweil man sich schon den ersten Rot Punkt ans Revers geheftet sieht. Gut, wenn der Tour Leiter, also in diesem Fall Jan Bauer, seine Pappenheimer bereits kennt und einschätzen kann und die Bodenhaftung behält, aber gleichzeitig schon Pläne hat, an welcher Route er aus wem die letzten, ungeahnten Reserven kitzeln kann, um dem erwähnten Erfolg auf die Sprünge zu helfen. So konnten wir also nach, wie angedeutet heftig bergauf führendem Zustieg, den Tag an relativ neu erschlossenen Kletterrouten verbringen, bis aufgebrauchte Vesper, sonstige Vorräte wie natürlich auch Kräfte einen baldigen, erneuten Auftritt im 'Al Fiume’ angeraten erscheinen ließen und somit erstmal zur Rückfahrt ins Hotel rieten. Wem sich nun und beim Duschen bereits der Laktatnebel aus den Augen verzogen hatte, der konnte dank der interessanten Beleuchtung und der vielen Tropfen und Rinnsale auf den glasklaren Duschabtrennungen ein höchst interessantes Lichtspiel am Boden beobachten.

Das sei aber nur am Rande erwähnt;- an sich ging es darum, möglichst fix zu ‘nem Aperitif aufzubrechen, eventuell noch ein paar Einkäufe zu tätigen, zu denen man sich nicht gleich am ersten Tag durchringen wollte oder konnte, und natürlich zum Essen. Proforma die Speisekarte noch in der Hand fragt man sich dann, wie oft man wohl hierher kommen muss, um nichts interessantes mehr darin oder auf den Tellern der anderen zu entdecken. Denn eigentlich wäre unser Programm der kulinarischen Genüsse alleine eine Reise bzw. Tour wert… Dementsprechend folgte dem Schlemmen noch ein Absacker auf dem Heimweg. Selbstverständlich nicht, ohne im Laufe des Abends all die unzähligen Alternativen fürs Programm des Freitags ausgiebig abzuwägen und zu diskutieren. Ins Auge gefasst haben wir dann die Lastone di Dro, abwertend formuliert eine Mehrseillängen-Plattenschleicherei vom See kommend Richtung Dro unmittelbar am Ortsanfang. Zustieg kurz und schmerzlos, los geht’s. Ein paar einleitende Klarstellungen und Absprachen, es ist ja immer wieder herzerfrischend, welche Seilkommandos sich manche Leute einfallen lassen, die dann zu Missverständnissen führen, danach gab’s direkt Felskontakt mit Händen und Füssen in zwei Zweier- und einer Dreierseilschaft. Gegen elf Uhr begann die Sonne, die Szenerie zu beleuchten und aus dem Schatten zu heben, daher dachten wir noch, es wäre die Herausforderung des Tages, hier nicht zu überhitzen.

Nach acht Seillängen und dem Ausstieg  wurden wir allerdings der Tatsache gewahr, dass nicht das Klettern der eigentliche Knackpunkt war, sondern eher der Abstieg. Kein Abseilen bei Hagel im Überhang mit 10m Pendeln zum nächsten Abseilstand, den man treffen muss, kann so übel sein wie die elende Hatscherei hier nach unten. Da konnte die besänftigende Auskunft von Jan, vor wenigen Jahren wäre nicht mal ein Weg oder eine Spur zum Abstieg richtig erkennbar gewesen, nun auch nimmer viel retten. Eher nach erfolgter Rückkehr ins Hotel eine Dusche, ein Aperitif und ein göttliches Mahl im 'Al Fiume‘.

Und außerdem: es war bereits Freitag. Also Klartext: das 'Il Gatto Nero’ hatte wieder geöffnet. Es wurde ein langes Wiedersehen nach einem Jahr, daher hatte unsere umsichtige Tour Leitung in weiser Voraussicht die Uhrzeit fürs Frühstück am Samstag auf die spätest mögliche terminiert (Danke Jan! Ein pfiffiger Schachzug). Und uns angefixt, am Samstag in ein Gebiet zu fahren, das wir bereits letztes Jahr beackert hatten. Kann es einen wohlklingenderen Namen geben als 'Regina del Lago‘??? Kaum. Nein. Unmöglich. Hier war erneut Toben angesagt, bis alle mitgebrachten Vorräte aufgebraucht waren. Mehr als aufgebraucht. Arme leer, Futter gemampft, allen Saft gegurgelt, die Augen sattgesehen am Ausblick über den See, die winzigen Pickel, die in Wirklichkeit Surfer sind, die etwas größeren, Segelboote, und natürlich die Finger so langezogen, dass sie das Glas mit Aperol am letzten Abend sanft umschließen können.

Letzter Abend im 'Al Fiume’, letzter Abend im 'Il Gatto Nero‘ und hier strenggenommen auch der letzte Morgen, nachdem wir uns tüchtig abgemüht und so langsam wie nur irgend möglich an unseren Gin Tonic genuckelt haben, als könne man damit den Abschluss dieser genialen Tour nach Belieben hinauszögern, die Nächte unter dem steil aufragenden Fels im 'On The Rock‘ nicht den nächsten Gästen überlassen, nicht das endlose Gewusel in den Fußgängerzonen und Piazze bald verlassen müssen, um es einzutauschen gegen den trägen Stau vorm Brenner.

Arco, wir kommen hundert pro wieder!

Andreas Staudt

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