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Ernsthafte Gedanken eines alternden Bergfreundes

Sicher, es gibt verschiedene Beiträge über Bergsteigen im Alter; kluge Bemerkungen und Ratschläge über das Akzeptieren von Einschränkungen und den Muskelabbau.

Trotzdem find ich das Phänomen nachgerade ärgerlich, dass sich bekannte Routen oder Gipfelanstiege als deutlich schwerer bzw. zeitaufwendiger erweisen, als ich sie aus früheren Jahren in Erinnerung habe. Auch Rucksäcke sind schwerer geworden, Stufen auf Bergwegen höher, Zeitangaben in Führern deutlich zu ambitioniert.

Könnte es sein, dass meine Erwartungen und Ansprüche nicht Schritt gehalten haben mit dem schleichenden Abbau meiner körperlichen Möglichkeiten?

Ich habe schon länger eine massive Allergie entwickelt gegenüber gut gemeinter und wohlfeiler Ratgeberliteratur. Nein, es ist nicht einfach die Sache mit dem Loslassen. Es ist nicht selbstverständlich auf Lebensziele und liebgewordene Vorstellungen und Bilder zu verzichten; sich mit niedrigeren Gipfeln und weniger spektakulären Zielen zufrieden zu geben.

Einen Königsweg, eine für jede und jeden geeignete Art und Weise zu einer anderen Form des Bergsteigens gibt es nicht.

Es kann helfen – zumindest tröstet es – Alters- und Leidensgenossen zuzuhören. Eine gemeinsame Verschnaufpause nach einem scharfen Anstieg tut gut. Zu sehen, dass auch die anderen die Serpentinen der steilen Abkürzung vorziehen rückt die Relationen wieder zurecht. Auch das gemeinsame Schwelgen in den Erzählungen von vergangenen Heldentaten, hat in diesem Zusammenhang seine Berechtigung. Ja, es kann sehr hilfreich sein, die Gemeinschaft in der Gruppe Gleichaltriger zu erleben; die Anpassung an die Veränderungen im letzten Lebensdrittel nicht allein bewältigen zu müssen; miteinander die Siege und Niederlagen des Bergsteigerlebens zu teilen.

Gnädigerweise werden die Berge ja auch nicht schlagartig um 500 Höhenmeter größer. Der achtsame Alpinist hat Zeit, sich auf die Veränderungen bei sich und anderen einzustellen.

Wer all diese Hinweise und Zeichen nicht wahr haben will und sie in den Wind schlägt, der wird schließlich von seinem Körper eines Besseren belehrt. Unnachsichtig und nicht zu verleugnen signalisieren Kreislauf, Gelenke oder Muskeln wann Schluss ist. Spätestens dann ist die Zeit gekommen, die verbleibenden, weniger heroischen aber dennoch befriedigenden Möglichkeiten eines Aufenthalts in den Bergen zu erkunden. 

Ludwig Sicheneder

Kreuzspitze 1